Feed on
Posts
Comments

Vor schon einiger Zeit, hat mir der Festa-Verlag ein sehr, sehr ungewöhnliches Rezensions-Exemplar zukommen lassen. Ich berichtete. Über rosa Seiten. Duftende Hardcover. Und einem, „Was zu Hölle..!?“-Ausruf, den ich und jeder machte, der sich durchlas, worum es in diesem Buch geht.
Die Rede ist natürlich von „Die Kannibalen von Candyland“ aus der Feder von Carlton Mellick III.
Für alle, die nicht wissen, worum es geht, hier noch einmal die Inhaltsangabe vom Verlag:

Als er noch ein Junge war, sah Franklin Pierce die Candyfrau mit dem rosa Zuckerhaar zum ersten Mal. Sie machte die Kinder mit ihrem betörenden Erdbeerduft willenlos und fraß sie auf. Aber niemand glaubte seine Geschichte. Seither ist Franklin Pierce besessen davon, zu beweisen, dass die Kannibalen von Candyland wirklich existieren. Doch dazu muss er erst einen fangen … tot oder lebendig.
Jahrzehnte später findet er den Zugang ins unterirdische Candyland – und wird der Sexsklave der zuckersüßen Frau mit Biss …

Herzlich willkommen in der verrückten Welt des „Bizarro Fiction“ – dem Genre von Mellick III. Seinem zu hause. Seinem Kopf. Seiner Fantasie. Und die ist so verdammt bunt und abgefahren, dass ich einfach nicht wirklich wusste, was ich von dieser Inhaltsangabe halten sollte. Der Festa-Verlag ist für mich das non plus ultra, was Dark Fiction angeht. Ihre gesammelten Werke von Lovecraft dominieren meine Horrorecke im Bücherregal, „Dying to Live“ war eines von wenigen Büchen, das mich wirklich tief berührt hat und nun kommt so etwas – ein Buch, bei dem man davon ausgehen möchte, dass es nicht mehr, als Groschenroman-Niveau hat – einem Niveau, das dem Herausgeber und Horror-Papst Frank Festa einfach nicht gerecht würde.
Eines vorweg: Festa bleibt seinem Ruf und seinem hohen Niveau treu. Und ich habe eine neue Perle in meinem Regal.
Ich möchte möglichst wenig zu der Geschichte erzählen. Denn jedes noch so kleine, wenn auch abstruse, Detail würde jedem Leser von euch die Überraschung und damit den Spaß nehmen, auf jeder zweiten Seite ungläubig, aber grinsend, den Kopf zu schütteln.
Mellick III wandert auf einem schmalen Grad zwischen absolutem Schwachsinn und Genialität. Aber ich denke, wir alle wissen, spätestens seit „Shaun of the Dead“ (übrigens genial), dass diese beiden Eigenschaften verteufelt nahe aneinander liegen.
Denn es verhält sich so: Mellick wirft irgendwie alle Ideen, die er hat, ungeachtet des Genres, ungeachtet des „Aussehens“ und vor allem ungeachtet dessen, was der Leser denken könnte, zusammen. Das Buch ist, wie Popcorn mit Käsesauce. Pizza mit Schlagsahne. Grün und Blau. Oder beim Twitter zu faven, ohne zu retweeten. Man mag das alles, aber zusammen passt es irgendwie nicht so wirklich.
Mellick III ist das egal. Er schmeißt es zusammen in einen großen Eintopf seiner Ideen, packt einen liebenswert verrückten Humor dazu, mischt alles gut durch und macht anschließend eine… nein – DIE eine Sache ganz richtig: er hängt alles an einen intelligenten roten Faden, den er nicht mehr verlässt.
Ohne zu viel zu verraten, kann ich behaupten, dass Mellick ohne Rücksicht auf sich, seine Protagonisten und schon gar nicht auf seine Leser, strikt und erbarmungslos seiner eigenen Welt und deren Regeln folgt. Sie ist verrückt. Sie ist völlig wahnwitig. Sie ist brutal. Aber in sich logisch und schlüssig. Und er nimmt für alles, was seine Charaktere tun, die Konsequenzen hin.
Lange Rede, kurzer Sinn: Mellick III tut das, was nur wenige Autoren tun, aber für das Genre „Bizarro Fiction“ das einzig richtige, damit es nicht ins schlechte und/oder lächerliche abdriftet: Er nimmt jede Konsequenz hin. Ohne Wenn und Aber.
Das Ergebnis?
Die Kannibalen von Candyland“ ist ein kunterbuntes, brutales, erotisches und bizarres und erbahmungsloses Meisterweg seiner Sparte. Zu jeder Zeit glaubwürdig. Zu jeder Zeit überraschend. Zu jeder Zeit erbarmungslos. Und frisch. Ich erinnere mich nicht, je so einen jungen und dynamischen Schreibstil erlebt zu haben. Carlton Mellick III eben.
Und sogar tragisch ist es. Und das auf eine sehr intelligente Art und Weise. Hin und wieder kullert einem vielleicht sogar eine kleine Träne aus dem Auge oder man hat einen Kloß im Hals. Auch das ist wieder ein Effekt der kompromisslosen Schreibweise des Buches.

Frank und Inge Festa haben wieder einmal bewiesen, dass sie genau das richtige Händchen für ihr Metier haben. Denn nicht nur der autor und seine Geschichten, sondern auch das Buch an sich, in seiner Aufmachung, verdient es, erwähnt und vor allem gelobt werden.
So kommt das Buch mit rosa Seiten und hoch qualitativem Hardcover und Lesebändchen daher. Ebenso das kleine, aber nette Feature, am Bauch der Zuckerfrau auf dem Cover reiben zu können um einen dezenten Erdbeerbonbon-Geruch zu erhalten, rechne ich dem Verlag sehr, sehr hoch an.
So viel Liebe für seine Herausgaben, zeugt von echtem Enthusiasmus, den man heut zu Tage nur noch selten findet.
Danke, lieber Festa-Verlag, für dieses Schmankerl in meinem Bücherregal!

„Die Kannibalen von Candyland“ ist ein gutes, ein tolles Buch. Es liest sich schnell und dynamisch und gerade durch die fabelhafte Aufmachung, ist es auch nach dem Lesen noch eine Freude. Es ist toll. Es ist gut. Es macht Spaß. Aber es ist nicht perfekt.
Hin und wieder bin ich über ein paar Dinge gestolpert, wie eine etwas zu lange Ausführung einer Szene oder Handlungen der Protagonisten, die ich nicht immer ganz nachvollziehen konnte.
Darum bekommt das Werk von mir vier von fünf Bewertungs-Klos. Schließlich muss ja auch immer noch Platz nach oben sein. Und das nächste Buch Mellicks III („Ultra Fuckers“) erscheint ja immerhin auch am 20. Juni 2011 ebenfalls beim Festa-Verlag.
Und damit habe ich viel, aber noch lang nicht alles zu „Die Kannibalen von Candyland“ gesagt.
Gerade nach dem Lesen hat es viel Diskussionspotential.
Aber ich kann jetzt nicht. Irgendwo hier Macht einer was aus Erdbeeren. Ich rieche es. Ganz deutlich. Ich will es. Jetzt!
Ich muss weg…

Bewertung: 4/5

Carlton Mellick III “Die Kannibalen von Candyland”

Bunt gebunden, Duftcover, Leseband
160 rosa Seiten
ISBN 978-3-86552-095-1
Verlag: Festa-Verlag
Preis: 16,80€
Direkt bestellen

Leave a Reply

%d Bloggern gefällt das: